Wie Zero Trust entstand: John Kindervag und der Abschied vom Vertrauen

von Sven Launspach · veröffentlicht 19.07.2026 · 3 min lesezeit · zt://zero-trust

Zero Trust ist heute so allgegenwärtig, dass die Idee fast banal wirkt: kein implizites Vertrauen, jeder Zugriff wird geprüft. Die Entstehungsgeschichte erklärt trotzdem besser als jedes Whitepaper, warum das Modell so radikal einfach gedacht ist. Erzählt hat sie ihr Urheber selbst: John Kindervag, ehemaliger Forrester-Analyst und heute Chief Evangelist bei einem Segmentierungsanbieter, in einer Podcast-Folge von „The Segment“, deren Kernaussagen im zugehörigen Firmenblog zusammengefasst sind.

Ein Konstruktionsfehler aus der Firewall-Ära

Die Wurzeln von Zero Trust liegen ausgerechnet dort, wo klassische Netzwerksicherheit begann: in der frühen Firewall-Technik. Deren Regelwerk kannte zwei Sorten Schnittstellen, eine „nicht vertrauenswürdige“ Richtung Internet und eine „vertrauenswürdige“ Richtung Firmennetz. Verkehr, der von innen nach außen floss, brauchte deshalb oft nicht einmal eine explizite Richtlinie. Was aus dem eigenen Netz kam, galt per Definition als gutartig.

Daran störte sich Kindervag. Wenn ausgehender Verkehr pauschal als harmlos gilt, steht Angreifern und Innentätern ein bequemer Kanal zur Datenexfiltration offen. Das Sicherheitsmodell übersieht dann ausgerechnet den Weg, über den gestohlene Daten das Haus verlassen. Seine Konsequenz: Alle Schnittstellen sollten dasselbe Vertrauensniveau haben, nämlich null. Aus dieser Zuspitzung wurde der Name des Modells.

„Vertrauen“ ist keine Netzwerk-Eigenschaft

Der zweite Baustein der Ursprungsidee betrifft den Begriff selbst. In seiner Zeit als Analyst warf Kindervag eine Frage auf, die sonst kaum jemand stellte: Was genau soll „Vertrauen“ in einem Netzwerk eigentlich bedeuten? Eine belastbare Definition fand niemand. Vertrauen ist eine Kategorie zwischen Menschen. Auf Datenpakete, Geräte oder IP-Bereiche übertragen, wird daraus eine unbegründete Annahme, die Angreifer systematisch ausnutzen. Zero Trust räumt diese Fehlübertragung ab: Nicht Herkunft oder Standort einer Anfrage zählen, sondern die fortlaufende Prüfung von Identität und Kontext.

Bemerkenswert ist, wie leise das Modell startete. Nach eigener Einschätzung rechnete Kindervag nicht damit, dass sich der Ansatz durchsetzen würde; die Adoption verlief zunächst schleppend. Rückblickend beschreibt er das als Vorteil: Die langsamen Jahre gaben ihm Zeit, das Framework in echten Projekten zu erproben, Fehler selbst zu machen und die Methodik zu schärfen, bevor der große Hype begann.

Vom Analysten-Report zum Regierungsberater

Aus dem Forrester-Konzept von 2010 wurde über die Jahre ein Industriestandard. Das NIST goss die Prinzipien 2020 in die Special Publication 800-207, Behörden und Konzerne machten Zero Trust zur strategischen Vorgabe. Kindervag selbst wurde 2021 in das Zero-Trust-Unterkomitee des NSTAC berufen, das den US-Präsidenten in Sicherheitsfragen berät, und arbeitete dort am Zero-Trust-Bericht an das Weiße Haus mit. Im selben Jahr kürte ihn das CISO Magazine zur „Cybersecurity Person of the Year“.

Der häufigste Fehler: zu groß, zu schnell

Aufschlussreich für alle, die heute einsteigen, ist Kindervags Antwort auf die Frage nach den typischen Fehlern. Der größte: Unternehmen wollen die gesamte Organisation mit allen Systemen in einem einzigen Projekt umstellen. Daran scheitern viele Initiativen, und das Modell wirkt komplizierter, als es gedacht ist. Dabei steht hinter Zero Trust eine bewusst schlanke Methodik: vier Designprinzipien und ein Fünf-Stufen-Modell.

  1. Schutzoberfläche definieren: nicht das ganze Netz, sondern die wirklich kritischen Daten, Anwendungen, Assets und Services („DAAS“) eingrenzen.
  2. Transaktionsflüsse abbilden: verstehen, wer wie mit diesen Ressourcen kommuniziert.
  3. Architektur ableiten: Kontrollen so nah wie möglich an die Schutzoberfläche bringen, etwa durch Mikrosegmentierung, die laterale Bewegung zwischen Workloads unterbindet.
  4. Richtlinien formulieren: Wer darf wann, wohin, wozu? Least Privilege statt Pauschalfreigaben.
  5. Überwachen und verbessern: Telemetrie auswerten, Regeln iterativ nachschärfen.

Sein Rat an Zögernde ist entwaffnend pragmatisch: „Geh einfach raus und mach es.“ Zero Trust sei erfahrungsbasiert. Man lernt es nicht aus Folien, sondern an der ersten, bewusst klein gewählten Schutzoberfläche.

Was von der Ursprungsidee bleibt

Wer die Entstehungsgeschichte kennt, liest heutige Zero-Trust-Diskussionen anders. Das Modell ist keine Produktkategorie und kein Compliance-Stempel, sondern eine Antwort auf zwei präzise benannte Konstruktionsfehler: implizites Vertrauen in Netzwerkzonen und ein Begriff, der dort nie hingehörte. Die direkteste technische Übersetzung dieser Einsicht ist bis heute die Segmentierung, im Rechenzentrum gegen unerwünschten Ost-West-Verkehr, außerhalb des Perimeters als Zero-Trust-Zugriff per SASE/SSE. Oder, in Kindervags Logik: Es gibt keinen Grund, warum irgendeine Schnittstelle mehr Vertrauen verdient als eine andere.

Passende Managed Services